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China Night Train Beijing Xi'an Railway Station

Am 4. Tag unserer China-Reise wollen wir Peking verlassen und das erste Mal in einen Nachtzug steigen. Mit der U-Bahn machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Dort angekommen müssen wir als erstes durch den Security-Check. Genauso wie am Flughafen wird unser Gepäck durchleuchtet und unsere Körper mit einem Handscanner überprüft. Als wir das Gebäude dann endlich betreten, wird uns klar, warum dieser Aufwand betrieben wird. Der Bahnhof ist riesig! Wüssten wir es nicht besser, wir würden denken wir befinden uns am Flughafen.

An einem der 30 Schalter steht „Englisch Service“. Er ist nicht besetzt. Aber wir versuchen dennoch unser Glück. Es dauert nicht lang und eine freundliche Stimme spricht uns von hinten an. Es ist Blanca. Sie ist klein, hat braun-rotes kurzes Haar und kommt ursprünglich aus Costa Rica. Sieht lebt allerdings schon seit über 50 Jahren in den USA und ist nun, wie  sie sagt, ein echtes „California Girl“. Ihr Sohn schenkte ihr diesen Urlaub zum 80. Geburtstag. Sie möchte wie wir am Abend mit ihrem Mann nach Xi’an reisen. Leider nehmen wir nicht den gleichen Zug, sonst hätte sie ihre Doughnuts mit uns geteilt.

Am Schalter rührt sich etwas. Wir sind endlich dran und ich bin ganz schön nervös. Ich habe alle unsere Zugtickets vorab im Internet gebucht und bereits bezahlt. Doch alles klappt problemlos. Ich zeige unsere Buchungsnummer vor uns gebe unsere Pässe ab. Ein prüfender Blick der Bearbeiterin und wir bekommen unsere Tickets nach Xi’an.

China Night Train Beijing Xi'an Railway Station
Bahnhof oder Flughafen? Wir sind uns nicht mehr ganz sicher.

Bevor es los geht, müssen wir noch ein paar Stunden Wartezeit überbrücken. Als erstes machen wir Bekanntschaft mit den öffentlichen Toiletten. Wobei man sagen muss, dass es Toiletten wie wir sie kennen nicht gibt. Es gibt ein Loch im Boden. Was es auch nicht gibt, ist Toilettenpapier. Das müsst ihr selbst immer dabei haben!

Dann knurrt uns der Magen und wir kaufen ein paar Snacks für die Zugfahrt und lassen uns in einem Restaurant nieder. Hier essen wir eine riesige Portion leckerer Dumplings und warten anschließend auf dem Boden vor dem Lokal. Chinesen hetzen mit ihren Trolleys und Rollkoffern an uns vorbei. Manche sind zudem beladen mit Tüten voller Souvenirs und Geschenken für ihre Angehörigen und Freunde. Besonders beliebt sind riesige, saftige Pfirsiche, Süßigkeiten oder eingeschweißte Peking-Enten. Neben uns nimmt eine Frau mit ihren beiden Kindern Platz. Der Junge ist vielleicht sieben Jahre alt, das Mädchen zehn oder elf. Neugierig werden wir beäugt. Es wird getuschelt. Als wir zu ihnen rüber blicken, kichern sie verschmitzt und fühlen sich ertappt. Wir lachen und grinsen gemeinsam um die Wette. Plötzlich streckt uns das Mädchen etwas entgegen. Sie möchte ihre Würstchen mit uns teilen und wir nehmen dankend an: „Xiexie“ und es wird wieder gekichert. Wir möchten uns revanchieren und schenken den beiden zwei der Sticker, die ich vor unserer Abreise habe drucken lassen. Darauf sind Bilder von uns während der vorherigen Reisen und das Logo und die Webseite von Episodes of Wanderlust. Sie freuen sich und dann werden die Handys gezückt und wir machen mehrere Fotos zusammen.

Als sie sich später auf den Weg machen, sehen wir, wie die beiden die Sticker auf die Rückseiten ihrer Telefone kleben. Wir freuen uns, lachen uns alle an, winken uns ein letztes mal zu.

China Night Train Beijing Xi'an Railway Station
Chinesen haben eine Superkraft: sie können einfach immer und überall schlafen!
China Night Train Beijing Xi'an Railway Station
Öffentliche chinesische Toiletten sind definitiv ein Erlebnis
China Night Train Beijing Xi'an Railway Station
Das kleine Mädchen schenkt uns zwei ihrer Würstchen

Kurze Zeit später können wir auch endlich in Richtung Wartebereich gehen. Die großen LED-Tafeln weisen uns den Weg und ich bin heilfroh, dass Chinesen dazu die gleichen Ziffern, wie wir verwenden. 15 Minuten vor Abfahrt öffnet sich das Tor und die Reisenden strömen aus dem Wartebereich Richtung Gleis. Wir folgen ihnen und betreten das erste mal einen chinesischen Zug. Ich habe uns „Hard-Sleeper“ Betten gebucht. Sie sind sehr schmal und verdienen wohl eher das Wort „Pritsche“. Wir werden die Nacht in einem 6er-Abteil mit vier fremden Chinesen verbringen. Zwei davon sprechen sogar englisch. Der jüngere nennt sich „Hercule“ weil es seinem chinesischem Namen sehr ähnlich klingt. Er ist Student der Biologie und möchte sich in Xi’an mit Freunden treffen. Danach wollen sie weiter Richtung Mongolei um Vögel zu beobachten. Hercule und ich werden uns die nächsten drei Stunden über Ornithologie und unsere Lieblingsvögel unterhalten (FYI: seiner ist die short-eared-owl, meiner ist der Rote Kardinal), über die Freiheit, die man als Student hat und die Verpflichtungen und Erwartungen seiner Eltern, die ihm mit zunehmendem Alter bevorstehen.

China Night Train Beijing Xi'an Railway Station
Das Hard-Sleeper-Abteil mit 2x3 Betten.
China Night Train Beijing Xi'an Railway Station
Entgegen all unserer Vermutungen lässt sich das richtige Gleis leicht finden

Der zweite von ihnen nennt sich Matthew. Matthew erzählt uns, dass er beruflich in Peking war und nun zurück nach Hause, nach Xi’an fährt. Er ist im Accounting-Bereich tätig und heillos überarbeitet. Er hat eine Eigentumswohnung und einen saftigen Kredit an der Backe. Einen Teil des Kaufbetrags haben seine Eltern übernommen. Die Wohnung war notwendig. Ohne sie, wäre es nicht möglich gewesen eine Frau zu finden. Den Chinesinnen ist das wichtig – sagt er. Und während Hercule und ich uns gegenseitig Bilder von gefiederten Schönheiten zeigen, erzählt Matthew Patrick auf dem Gang des Zuges, dass er auch viel lieber aus dem Hamsterrad ausbrechen würde – vielleicht zurückgehen nach Australien, wo er eine Zeit lang studiert hat.

Um 23:00 Uhr geht das Licht aus. Wir sagen Gute Nacht zu unseren Mitreisenden, schnappen noch schnell die Zahnbürsten und gehen dann auf unsere Pritschen. Der Zug wackelt und rauscht durch die Nacht. Ich kämpfe mit dem Jetlag und schlafe nur etwa zwei Stunden. Bis die Sonne aufgeht schaue ich die letzten vier Folgen Stranger Things, die ich noch in Deutschland heruntergeladen hatte. Dann wird der Ausblick viel spannender. Die ersten Berge ziehen an uns vorbei. Die Sonne taucht die vorbeiziehende Landschaft in ein warmes, goldenes Licht. Ein neuer Tag bricht an und wir haben die erste Nacht in einem chinesischen Zug hinter uns.

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